Für die Silberdistel

Gefunden am Nikolaustag unter dem Vogelhaus. Ein kleiner Nachzügler, der nur 250 Gramm wog. Ich bin mit ihm zum Tierarzt gegangen, dort wurde er gewogen und es war klar, dass er nicht draußen überleben könnte. Er bekam dann Spritzen gegen Lungenkrankheiten und noch so allerlei. Dann wurde er dick mit Flohpuder bestreut und mit vielen guten Wünschen und Ratschlägen konnten wir zwei wieder nach Hause gehen.

Zu Hause habe ich ihn im Waschbecken gebadet und gefühlt eine Million Flöhe fielen von ihm ab und ertranken im Wasser, falls sie nicht schon vom Flohpuder tot waren.

Wir hatten gerade ein Badezimmer frei, weil die Tochter ausgezogen war, und dort richteten wir ihm sein zukünftiges Zuhause ein. Ein großer Karton, gefüllt mit Stroh und mit Eingangs- und Ausgangstür versehen, wurde sein Zuhause. In dem großen Karton war noch ein kleinerer, weich ausgepolstert, als Bettchen. Den gefliesten Boden bedeckten wir jeden Tag neu dick mit Zeitungspapier, denn die Geschäfte verrichtete Karlchen wunderbarerweise nur außerhalb seiner Wohnung.

Karlchen, so hieß unser Igelkind fortan, durfte über den Winter nicht in den üblichen Schlaf fallen, denn das hätte seinen Tod bedeutet. Er war einfach zu klein. Also mussten wir ihn das nächste halbe Jahr in der Nacht wachhalten. Das war anstrengend, aber auch zu schön. Igel kuscheln und legen ihre Stacheln dann ganz glatt an. Unterwärts sind sie weich wie Seide. Karlchen hat sich immer in meine Halskuhle gekuschelt und mich nie verletzt.

Wir haben uns dann abwechselnd jeweils eine Stunde in der Nacht mit ihm beschäftigt, also regelrecht mit ihm gespielt. Ganz besonders geliebt hat er ein altes Leder Portemonai. Da konnte er sich richtig lange mit beschäftigen.

Nach sechs Monaten haben wir dann schweren Herzens unser Karlchen der Natur wieder übergeben. Wir haben ihn in einem Autofreien Gebiet laufen lassen. Eine Zeit lang haben wir ihm Abends noch sein gewohntes Futter gebracht und er hat es auch verputzt. Dann haben wir die Abstände größer werden lassen und irgendwann haben wir damit aufgehört.

Hoffentlich ist unser Karlchen gut über die Runden gekommen, ist alt geworden und hat einen Haufen Nachwuchs gezeugt. Wir glauben fest daran.

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28 Kommentare zu „Für die Silberdistel

  1. Eine wunderschöne berührende Geschichte mit eurem süßen kleinen Karlchen und meine Hochachtung für diese Leistung mit nächtlichem Einsatz rund um die Uhr, liebe Brigitte!
    Liebe Grüße, Hanne

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  2. Dankeschön für den schönen Beitrag, liebe Brigitte 😊 Das war ganz sicher eine spannende und aufregende Zeit. Aber Was tut man nicht alles, um so einem kleinen Wesen über den Winter zu helfen, oder? Finde ich ganz toll, Eure Hilfe für das kleine stachelige Bündel.
    Wenn wir mal einem Igelkind unter die Stacheln greifen müssen 😉, dann weiß ich ja jetzt, wer mir hilfreiche Tipps geben kann 😀
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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      1. Ich hoffe natürlich auch, dass unsere Igel nie in eine solche Situation kommen werden, liebe Brigitte. Falls aber doch, dann sind wir Silberdistels die Letzten, die nicht helfen würden.
        Ich hoffe, Euer Karlchen hat noch ein schönes und langes Leben gehabt. Kam er eigentlich jedes Mal zur Fütterung oder musstet Ihr ihn nach seiner Auswilderung suchen? Du schriebs ja, Ihr habt ihn noch eine Weile besucht und ihm Futter gebracht.
        Einen lieben Gruß von der Silberdistel

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        1. Nein, wir haben das Futter hingestellt und sind weggegangen.
          Er sollte uns ja so schnell wie möglich vergessen.
          Sollte ich nochmal einen zu kleinen Igel finden würde ich ihn in eine der heutzutage zahlreichen Auffangstationen bringen.
          Man überschätzt leicht, was das für eine Arbeit bedeutet.
          Unser damaliger Hund musste auch dauernd ferngehalten werden und er braucht ja auch einen Raum für sich.
          Selbst die Raumtemperatur mussten wir genaustens regeln.
          Egal, damals waren wir jung und es hat ja auch gut geklappt 😊

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          1. Ich weiß, wie anstrengend und mühevoll es ist, ein Tier bis zur Auswilderung aufzupäppeln. Wir haben vor vielen Jahren ein Amseljunges aufgezogen und eine Ringeltaube ebenso. Man merkt erst, was alles damit verbunden ist, wenn man schon mitten drin ist und dann gibt es kein Zurück mehr. Ich weiß aus anderer Erfahrung, dass es wiederum oft gar nicht so einfach ist, ein Jungtier in einer Auffangstation unterzubringen. Ob das bei Igeln anders ist, weiß ich allerdings nicht.
            Letztendlich ist es immer besser, wenn unsere Hilfe gar nicht erst notwendig wird.
            Nochmals liebe Grüße zu Dir

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  3. Einfach klasse,Brigitte, und passt dolle zum Welttierschutztag heute,gelebte Praxis eben!
    Mir wäre der Abschied auch mehr als schwer vom niedlichen Karlchen gefallen
    ich glaube auch fest daran,dass er mit diesem guten Rüstzeug von euch der Stammvater eines zahlreichen Igelgeschlechts wurde!
    Silberdistel hat ganz sicher auch den Grundstein dafür gelegt.
    Liebe Abendgrüße an dich und Buddylein von Brigitte.

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    1. Das kam mir auch in den Sinn.
      Passt haargenau zum Welttierschutztag.
      Aber noch besser ist es, wenn Tiere grundsätzlich geschützt werden, gell.
      Zum Beispiel auch unsere Nutztiere.
      Das würde ich mir wünschen.
      Dir wünsche ich einen schönen Abend.
      Liebe Grüße
      Brigitte

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  4. Das ist eine feine, liebe Geschichte vom Igelkind Karlchen, wie schön, daß du ihn so prima über den Winter bekommen hast. Drollig, daß er so gerne kuschelte. Und fein, daß du noch Bilder davon hast!
    Ich glaub auch ganz fest, daß Karlchen alt geworden ist und Vater vieler kleiner Igelkinder wurde, die ihn dann wieder zum Großvater gemacht haben, da warst du sicher mit der liebevollen Pflege für Karlchen der Mitbegründer einer ganzen Igel-Dynastie! 🦔🦔🦔🦔🦔
    Ich wünsche allen lieben Bees einen schönen Abend, liebe Grüße
    Monika.

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