2004-08-01 Spitzbergen Umrundung [Tag 5]

M/V Professor Multanovskiy ( Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff/ max. 52 Passagiere)

Expeditionsleiter Peter Balwin

01. August 2004 Hinlopen Stredet / Isflakbukta / Phippsøya, Sjuøyane und 81° N

Position um 7.00: 80°21’N / 16°58’E, Lufttemperatur 7°C, sonnig

Um 3.45Uhr hat Peter Funkkontakt mit dem Schwesterschiff, der „Polar Pioneer“, das 8 Seemeilen südlich von uns im Packeis der Hinlopenstraße steckt. Der Kapitän meldete, dass ein Durchkommen ausgeschlossen sei. Deshalb drehten wir um 4 Uhr um und nahmen Kurs auf Sjuøyane, die Siebeninseln.

Dies ist die nördlichste Inselgruppe Svalbards und damit Westeuropas. Unsere geplante Anlandung in der Isflakbukta auf der Phipps-Insel liegt auf 80°42’N und wird somit die nördlichste Landung auf dieser Reise sein. Sie wurde nach dem britischen Marine-Offizier Phipps benannt, der 1773 eine Spitzbergen-Expedition leitete.

Bevor es dann am Nachmittag überhaupt in die Zodiacs geht, entdeckt Peter einen „gelben“ Fleck weit in der Ferne an Strand, der sehr nach einem schlafenden Bären aussehen könnte. Als wir uns mit den Booten dahin aufmachen, zeigt es sich recht schnell, dass es sich wirklich um einen Eisbären handelt, der nun schnell aufsteht und den Strandhang hinuntereilt. Es ist ein herrliches Tier mit glänzendem dichten Fell. Neugierig beäugt der Bär uns eine Weile, entschließt sich dann aber doch zu gehen.

Der Bär ist weg und wir können mit unseren fünf Schlauchbooten am Strand der Isflaktbukta sicher landen.

Jetzt können wir uns einer Gruppe Walrosse widmen: Etwa 35 Tiere ruhen auf einem Haufen nahe des Wassers. Zusätzlich sind weitere männliche Walrosse im Wasser, die ihre schweren Körper mühevoll ans Wasser robben. Einige dieser schwimmenden Kolosse nähern sich uns, und wir haben so die einmalige Chance, diese Charaktertiere der Hocharktis aus wenigen Metern Entfernung beobachten zu können.

Während eine Gruppe von uns bergauf wandert, genießt die andere Gruppe weiter die Meeresküste und einen kleinen Binnensee.

Nach der Rückkehr der zweiten Gruppe geht es zurück an Bord und wir machen uns auf in Richtung Norden mit dem Ziel „81.Breitengrad Nord“ Gegen 18.30 Uhr passieren wir die nördlichsten Inseln Westeuropas, die Vesle Taveleøya und die Rossøya.

Nach einem leckeren Abendessen

ist es gegen 21.30 Uhr schließlich soweit, und wir erreichen den 81. Breitengrad. Hier misst der Erdumfang nur noch 6.290 Kilometer , und die Distanz zum Nordpol beträgt nurmehr 1.000 Kilometer!!!

Das sind eigentlich genug Gründe zum Feiern. Aber als wir von Peter und Juliette zu einem Toast auf die Brücke gebeten werden, stellt sich heraus , dass zudem heute der schweizerische Nationalfeiertag ist, und Peter, unser Expeditionsleiter, ist Schweizer !

Die Stimmung an Bord ist großartig als wir mit einem holländischen Kräuterschnaps auf Kapitän

und Crew und ein gutes Gelingen für den Rest der Reise anstoßen.

Bevor wir schlafen gehen, verspricht uns Peter noch, dass wir aufgeweckt werden, sobald wir die Packeisgrenze erreichen und zwar ganz egal, wie spät es ist! So können wir also beruhigt der Dinge harren, die da hundertprozentig kommen …

2004-08-06 Spitzbergen Umrundung [Tag 10]

M/V Professor Multanovskiy ( Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff/ max. 52 Passagiere)

Expeditionsleiter Peter Balwin

6. August 2004 Hornsund mit Brepollen und Samarinfjord

Position um 7.30: 76°54’N/ 15°20’E, Lufttemperatur 3°C, anfangs nebelig

Heute wollen wir den ganzen Tag lang vom Schiff aus den Hornsund erkunden, in seine Buchten und Fjorde vordringen und die riesigen Abbruchkanten seiner Gletscher abfahren. Das Wetter ist allerdings zunächst einmal bedenklich, die Sicht schlecht und der Nebel dick wie Suppe. Peters Weckruf um 7.30 Uhr morgens lässt uns trotzdem schnell aus den Betten steigen. Ist dies doch der schönste Nebel, den man sich vorstellen kann. Die Sicht bessert sich merklich, als wir auf den riesigen Brepollen am östlichen Ende des Sundes zufahren. Unsere Brückencrew fährt das Schiff schwungvoll durch loses Packeis in die Nähe der gut 5 Kilometer langen Gletscherkante des Storebreen. Dann bricht auch noch die Sonne durch, und Juliette verwöhnt uns auf dem Vordeck mit einem herrlichen heißen Kakao- natürlich dürfen auch Rum und Sahne in der Tasse nicht fehlen.

Die Stimmung ist fröhlich, steigert sich aber noch deutlich, als Peter uns für den Nachmittag eine weitere, atemberaubende Zodiacfahrt durchs Eis anbietet. Bis an die Abbruchkante heran winden sich die Schlauchboote später durch die Eisschollen. Wir genießen die Reflexe auf dem Wasser und die unmöglichen Formen der kleinen Eisberge und Schollen genau so wie den riesigen Schwarm von Dreizehenmöwen, der sich am Austritt eines Schmelzwasserstroms unter dem Gletscher zusammengefunden hat. Hier wirbelt das fließende Wasser Nährstoffe vom Grund des Fjords auf. Ein wahres Fest für die geflügelten Gesellen.

Und weiter geht die Fahrt zunächst in Richtung Burgerbukta, aber als wir am Hornholmen vorbeiziehen, sehen wir bereits, dass sich dicke Wolken über der Burgabukta zusammenziehen. Kurzfristig wird der Kurs gewechselt und wir verbringen den Rest des Abends im Schatten- aber unter blauem Himmel- des grandiosen Samaringletschers.

Unsere Köche haben in der Zwischenzeit ein Barbecue für uns vorbereitet. Gegessen werden soll eigentlich an Deck, aber der Wind ist einfach zu stark geworden und so verlegen wir das Ganze nach drinnen. Schade, aber nicht zu ändern. Bals wird es uns richtig warm und es kommt trotzdem noch eine tolle Stimmung auf.

Den Rettungsring haben wir nie gebraucht, GsD. Alle waren stets sehr wachsam und umsichtig.

Nach dem opulenten Barbecue haben wir noch lange auf Deck gestanden und die grandiose Landschaft genossen.

to be continued

Alle Aufnahmen habe ich 2004 mit einer kleinen analogen Kompakt Kamera mit einem bekannten Namen aufgenommen und dann aus den Alben abfotografiert.

Das Album auf Flickr

https://www.flickr.com/gp/sjffbb/r30e34

2004-08-05 Spitzbergen Umrundung [Tag 9]

M/V Professor Multanovskiy ( Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff/ max. 52 Passagiere)

5. August 2004 Sundneset/Barentsøya; Habenichtbukta/Edgøya

Postion um 7.00: 77°58’N/20°40’E, Lufttemperatur 5° C, sonnig

Alle Aufnahmen habe ich 2004 mit einer kleinen analogen Kompakt Kamera mit einem bekannten Namen aufgenommen und danach aus den Alben abfotografiert.

Schon vorm Frühstück nähern sich heute die ersten Walrosse vom Kapp Lee her dem Schiff. Etliche große Gruppen tauchen prustend auf und wollen einen Blick auf uns werfen.

neugierig

Bald danach soll’s losgehen nach Sundneset. Peter hat am Berghang allerdings mal wieder einen „gelben“ Fleck entdeckt (der sich gerade erhob und davon ging, als das Schiff um eine Ecke -und außer Sicht- bog…). Es ist also Vorsicht geboten, denn der Bär könnte, von Neugier getrieben, auf unsere Landestelle zulaufen und uns empfindlich stören. Wir sind wachsam, am Ende zeigt er sich dann aber doch nicht. Auf dem Strandwall besuchen wir ein Trapperhäuschen, die sogenannte „Würzburger Hütte“. Sie ist enorm praktisch eingerichtet und man hat den Eindruck, hier im Notfall durchaus einen Winter überleben zu können. Selbstschussanlagen erinnern an die Zeit der Trapper und es finden sich noch allerhand Knochen, die von den Jägern zurückgelassen worden sind. Troels stösst schließlich auf einen sehr seltenen Fund. Es handelt sich um einen Gehörstein, einen Otholiten aus dem inneren Ohr eines große Wals, wir vermuten Grönlandwal. Er liegt mitten auf der Tundra, als Beweis dafür, wie sich die Strände Svalbards nach dem Rückgang der letzten großen Vergletscherung um viele Meter gehoben haben. Als der Druck des Eises verschwand, hob sich das Land allmählich, so dass wir heute Tierknochen zu sehen bekommen, die einmal direkt an der Wasserkante gelegen haben müssen.

Auf dem Weg in die Tundra kommen wir an einem Teich vorbei, in dem Eisenten zu sehen sind. Wir halten auch nach Füchsen Ausschau, haben aber leider kein Glück. Dafür treffen wir aber später auf Rentiere, die völlig unbeeindruckt von uns in Ruhe weiter grasen. Die Sonne brennt mit Macht auf uns herab und wir sind froh, dass wir am Strand eine kleine Pause einlegen können, wo wir die Stille der Arktis genießen können. Es fällt sehr schwer, uns von dieser grandiosen Landschaft zu trennen. Weite Täler münden in dramatischen, dunklen Schluchten, Findlinge haben bizarre Formen und sogar „menschliche Züge“, und dann sind da immer wieder die herrlichsten Pflanzen, wahre kleine Überlebenskünstler mit den unterschiedlichsten Methoden der Fortpflanzun, die man sich denken kann. Während der Knöllchen-Knöterich bereits fertige kleine Pflanzen, von einer Kapsel geschützt, abwirft, die im Frühling sofort anwachsen, bildet der Fadensteinbrech Ableger, die durch lange rote Schnüre zunächst noch noch mit der Mutterpflanze verbunden sind. Im Englischen werden sie „Spinnenpflanze“ (spider plant) genannt und genau so sehen sie auch aus.

Die Wanderer in der zweiten Gruppe queren eine grosse ebene Tundrafläche, wo man aus geringer Distanz Rentiere beobachten konnte, und erreichen bald darauf einen Schmelzwasserbach am Hangfuß. Dieser Bach tritt in einer kleinen Schlucht in die Ebene aus. Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, den Seitenhang dieser Minischlucht zu erklimmen und sogar noch den weiter landeinwärts gelegenen Wasserfall zu besuchen.

Den nächsten Landgang unternehmen wir erst nach dem Abendessen. Die Sonne steht tief als wir am Strand der Habenichtbukta auf Edgeøya aussteigen. Dem Landestrand vorgelagert finden sich Untiefen , Findlinge und Sandbänke, die unseren Fahrern das Leben erschweren. Mehrere Propeller segnen dabei das Zeitliche und müssen später ersetzt werden. Aber schließlich sind wir da, und die Wanderung zu den archäologischen Überresten einer Pomorensiedlung kann beginnen. Im frühen 18. Jahrhundert hatten sich hier Trapper aus der Gegend des Weißen Meeres niedergelassen, um Bären, Füchse und vor allem auch Walrosse zu jagen. In den wichtigsten Jahren der Besiedlung hatten dann auch schon mal bis zu 120 russische Jäger hier überwintert. Die steinernen Fundamente ihrer Behausungen lasse heute auf die Zahl der Einwohner schließen. Die Jagd muss eine ganze zeitlang recht einträglich gewesen sein, aber dann führten Streitigkeiten und Naturkatastrophen dazu, diese Jagdgegend im 19. Jahrhundert aufzugeben.

Unser Rückweg zum Schiff wird heute zum Abenteuer. Als wir es endlich schaffen, die Bucht heil zu verlassen, den Findlingen im Wasser immer wieder geschickt ausweichend,

treffen uns draußen stürmische Böen. Das windgepeitschte Meer mach ein Fortkommen schwierig, unsere Zodiacfahrer haben schwer mit der Dünung zu kämpfen und auch wir werden patschnass. Immer wieder schlagen Wellen ins Boot und das Wasser läuft uns am Hals hinunter bis zum Bauchnabel.

Irgendwie gelangen mir mit meiner kleinen analogen Kamera aus dem Zodiac heraus zwei Aufnahmen der stürmischen und nassen Rückfahrt zum Schiff

Auch das Aussteigen an der Gangway ist heute nicht so einfach wie in den letzten Tagen und so sind wir froh, dass wir schon ausreichend trainiert haben. Matrose Sergey packt uns zudem zuversichtlich am Arm und zieht uns schnell auf die Plattform um damit in Sicherheit.

Und bald sind wir wieder trocken und setzen unsere Reise fort.

Und bei schönstem Wetter ging es dann am nächsten Tag weiter.

to be continued.

2004-08-04 Spitzbergen Umrundung [Tag 8]

M/V Professor Multanovskiy (Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff / max 52 Passagiere)

4.August 2004 Erneute Fahrt durch Treibeis/Halvmåneøya

Position um 7.30: 78°27’N/30°45’E, Lufttemperatur 5°C, sonnig

Halvmåneøya

Erst um 5.00 Uhr erreichen wir endlich die lang ersehnte Packeisgrenze. 13,5 Stunden fahren wir jetzt bereits durchs Eis und haben dabei im Zick-Zack Kurs eine Strecke von 60 Seemeilen zurückgelegt, die in der Luftlinie nur 46 Seemeilen misst.Trotzdem möchte keiner von uns diese Erfahrung missen, hatten wir doch nun hautnah erlebt, was es heißt in der Hochartktis unterwegs zu sein. Zum ersten Mal konnten wir uns vorstellen, was es für die frühen Trapper und Robbenfänger bedeutet haben muss in diesen unwirtlichen Breiten mit prekären Holzschiffen die Fahrt durch das Eis zu wagen und vielleicht sogar gezwungen zu sein, auf Schollen, wie diesen, ein Wintercamp aufzuschlagen. Zudem hatte das Eis uns ein paar herrliche Bären beschert und wunderschöne Ansichten des gefrorenen Meeres freigegeben.

Bis zu nächsten Landestelle haben wir noch viele Meilen zurückzulegen. aber der Tag vergeht trotzdem wie im Flug. Es gibt u.a. Filmvorträge über Polarbären. Besonders faszinierend zu beobachten sind die verschiedenen Jagdtechniken der jungen Polarbären und wir diskutieren noch lange darüber wie pragmatisch die Tiere mit dem wechselnden Nahrungsangebot umgehen. Gibt es keine Robben, greifen sie auch schon mal zu Jungvögeln, Eiern und sogar Pflanzen. Sie sind clevere Opportunisten, schlau genug, das zu nehmen, was die Arktis ihnen bietet.

Nach dem Abendessen zeigen sich mehrere Gruppen Sattelrobben vor dem Bug und dann ist es soweit. Peter lädt uns zu einem Landgang auf die Insel Halvmåneøya ein. Hier hat er in der Vergangenheit des öfteren Bären angetroffen und so sind unsere Guides besonders vorsichtig., schauen sich immer wieder um und vor allem in die Weite, lassen auch die Strände nicht aus den Augen. Es scheint paradox zu sein, dass die pelzigen Jäger ausgerechnet diese Insel aufsuchen. Denn hier wurden viele Jahre lang Bären mit Selbstschussanlagen zu Fall gebracht. Knochenreste und zum teil noch intakte Holzkisten, in denen die Gewehre früher verankert waren, erzählen aus dieser Zeit. Die Stimmung ist ein wenig verwunschen in der Stille der Tundra, das Licht diffus und der Himmel bleiern. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, ausgelassen immer wieder in die Knie zu gehen, um die wunderschönen kleinen Pflanzen zu bewundern. Hier wächst der zarte Nickende Steinbrech im Windschutz der Steine und es gibt wunderschöne Moospolster und kleine Oasen mit gelben Svalbard Mohn.

Es ist schon nachtschlafene Zeit als wir zurück gegen 23 Uhr an Bord sind. Müde und zufrieden sehen wir dem nächsten Tag entgegen.

Diese Aufnahmen habe ich 2004 mit einer kleinen analogen Kamera gemacht und mit einer digitalen abfotografiert. Nicht vergleichbar mit den heutigen digitalen Aufnahmen und Kameras. Dennoch finde ich sie schön und da ich sie jetzt nach und nach gerahmt habe, will ich sie noch mal im Blog zeigen. Nicht chronologisch, gerade so, wie ich sie fertig habe, die Flickr Alben. Enjoy!

2004-08-03 Spitzbergen Umrundung [Tag 7]

M/V Professor Multanovskiy ( Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff/ max. 52 Passagiere)

Isispynten/Nordaustlandet, danach Fahrt durchs Treibeis Richtung Südost

Position um 7.00: 79°44’N / 27°09’E, Lufttemperatur 2°C, anfangs nebelig

Frühmorgens plagt uns zunächst noch dichter Nebel, aber der lichtet sich bald nach dem Frühstück und es geht los nach Isispynten, an der Ostseite von Nordaustlandet. Die ehemalige Landzunge hat sich längst als Insel entpuppt, seit sich ein letzter Arm des Gletschers zurückgezogen hat, und nun einen „Wassergraben“ von etwa 500 m Breite frei gibt. Auf der Insel hat sich noch ein Restgletscher gehalten. Dieses Eis ist stark mit Sedimenten zersetzt und richtig schmutzig. Die junge Moränenlandschaft selbst ist auch äußerst interessant. Kegelförmige Hügel bestimmen das Bild. Im lehmigen Boden sind zahlreiche Fußspuren von Bären zu sehen, und an dem kleinen Teich in Strandnähe brütet ein Sterntaucherpärchen. Auch Küstenseeschwalben und Schmarotzerraubmöwen gehen hier lärmend ihren Brutgeschäften nach und immer wieder treffen wir auf weiche, wärmende Eiderdaunen, die der Wind zwischen die Steine getrieben hat. Schließlich gibt der Strnad einen atemberaubenden Blick auf die gegenüberliegende Gletscherfront frei und wir können es kaum erwarten in die Zodiacs zu steigen und dicht an der Eiskante entlangzufahren.

Auf unserem Weg zur Gletscherabbruchkante umrunden wir die kleine „junge“ Insel. Vor uns auf einem kleinen Eisberg hocken Möwen. Inmitten der Dreizehenmöwen-Gruppe auf dem Eis beobachten wir dann auch noch eine Schwalbenmöwe. Das ist wahrhaftig ein rarer Anblick: Schwalbenmöwen sind selten auf Spitzbergen; man schätzt deren Zahl auf sieben Brutpaare! Die ornithologisch Interessierten unter uns schätzten sich glücklich. (Anmerkung von mir : leider, leider gehörte ich damals noch nicht dazu und allein deswegen, möchte ich noch mal dorthin reisen)

Auch der Gletscher selbst ist ein Erlebnis. Obwohl wir nur ein kleines Stück entlangfahren an dieser mit 200 km längsten Gletscherkante der Nordhalbkugel, bekommen wir doch einen Eindruck von dessen Gewaltigkeit. Der Gletscher lässt sich nicht lange bitten und kalbt ins Meer. Ein großes Stück dunkelbleuen Eises bricht ab und fällt mit großem Krachen ins Wasser. Wir lassen es uns nicht nehmen und sammeln gleich zwei dieser frisch abgebrochenen Stücke für den abendlichen Whisky in der Bar ein…

Ab 15.30 sind wir dann wieder im Packeis. Welch ein Erlebnis nochmals durchs Eis zu fahren. Die Sonne blendet, nur ein paar kleine Wolken stören das Himmelsblau. Unsere Brücken Mannschaft navigiert die Professor Multanovskiy geschickt zwischen die Schollen und zeigt uns auch schon mal, dass unser Schiff dünnere Eisschollen zerbrechen und dickere verschieben kann. Der Bug unseres Schiffes zerteilt dabei Treibeisflächen so groß wie Fußballfelder, schiebt schwere, aus mehrjährigem Eis bestehende Schollen kurzerhand zur Seite, lässt zarte Eisgebilde bersten. Doch vorwärts kommen wir kaum; bei einer solchen Eisbedeckung fahren wir nicht schneller als ein Wanderer ginge. Einige Krabbentaucher, Dreizehenmöwen, aber auch Eissturmvögel tauchen enthusiastisch nach kleinen Krebsen und Fischen, die durch das Aufbrechen der Schollen an die Oberfläche gelangen. Wenn Meerwasser gefriert, bildet es Kristalle. Salze und Mineralien fallen gleichzeitig aus und lagern sich oft unterhalb der Eisschollen an. Aber auch im Eis selbst können sich feine Kanäle bilden, in denen sich saline Flüssigkeiten halten, die dann wiederum Kleinsttieren Lebensraum bieten. Und auf diese haben es die wenigen Vögel wohl abgesehen. Einige Ringelrobben und sogar Sattelrobben zeigen sich kurz an der Oberfläche, verstecken sich dann aber schnell wieder. Spatelraubmöwen begleiten uns heute auf dem Weg durchs Eis. Und dann, kurz vor dem Abendessen, zeigt sich ein schwimmender Bär vor dem Bug. Es dauert ein Weilchen, bis wir erkennen, dass er ein Stück erbeutete Robbe im Maul trägt. Damit ist er unterwegs zu einer Eisscholle, um es in Ruhe zu verzehren. Als er schließlich eine eine passende Scholle findet, hat auch unser Kapitän das Schiff so gedreht, dass wir diesen jugendlichen König der Arktis bequem beim Fressen beobachten können. Ungestört reißt er an dem Fleisch, schaut nur hin und wieder auf, will unser Schiff wohl nicht aus den Augen lassen und widmet sich ansonsten ganz seiner Aufgabe. Fasst alle stehen wir nun an Deck und können unser Glück kaum fassen. Es ist still an Deck, man hört nur das Klicken der Kameras und hier und da ein „Ah“ und ein „Oh, ist das großartig“ Wir können uns erst losreißen, als auch der Bär sich entschließt weiter zu schwimmen.

Und weiter geht es durch das Treibeis, das zunehmend dichter zusammenrückt. Mehrmals scheint es, als kämen wir nicht weiter. Das Schiff rumpelt durch immer dicker werdende Eisschollen und verschiebt große Brocken alten Meereises. Später am Abend sehen wir dann sogar noch zwei weitere Male unsere haarigen Freunde, die Bären. Einmal ist es eine Bärenmutter mit Kind, ein andermal ein einsamer Jäger, der auf dem Packeis dahinzieht .

Und unsere Fahrt durch das Eis wird immer spannender. Um 24 Uhr haben wir noch immer keine große Distanz zurückgelegt und können auch nicht erkennen, wo das Packeis vor uns endet.

Nun hat unsere Mannschaft schon seit 15.30 Uhr mit dem Packeis kämpfen müssen und traf ganz andere Verhältnisse an, als uns nach neuster Vorhersage von den norwegischen Behörden mitgeteilt worden waren. Eigentlich sollten wir eine Eisbedeckung von nur 10 bis 40 % vorfinden, aber in Wirklichkeit trafen wir nun schon den ganzen Nachmittag auf über 70 %, teilweise sogar auf 90 % Eisbedeckung. Rund um uns erstreckte sich eine unendlich erscheinende weiße Eislandschaft bis zum Horizont!

Da aber unser Expeditionsgeist ungebrochen bleibt, versuchen wir dennoch weiter vorzustoßen, immer in der Hoffnung, die Spitzbergen-Umrundung doch noch zu schaffen. Um 5 Uhr haben wir dann die Packeisgrenze erreicht.

Bis genau 3.11 Uhr bin ich an Deck geblieben, wie meine Aufzeichnungen zeigen. Es ist ja immerwährender Tag zu der Zeit. Es war ein unglaublich schöner Tag.

Die vielen Bilder

2004-08-02 Spitzbergen Umrundung [Tag 6]

M/V Professor Multanovskiy ( Eisverstärktes ehemaliges Forschungsschiff/ max. 52 Passagiere)

2. August 2004 Andréeneset und Kraemerpynten / Kvitøya

Position um 7.00: 80°05’N/ 31°15’E, Lufttemperatur 4°C, leicht bedeckt

Auch heute erwartet uns wieder ein strahlender Tag. Das Packeis lässt zunächst noch auf sich warten, aber nach dem Frühstück beginnt dann unsere Fahrt durch die mal dichteren, mal locker aufeinanderfolgenden Eisschollen. Wir sind fasziniert vom Können unserer Bridgecrew, die die Professor Multanovskiy souverän um Meereisschollen und kleine Eisberge herum manövriert. Kapitän und Offiziere sind nun darauf angewiesen freie Wasserwege im Eisgewirr zu finden und meistern dies in entspannter Atmosphäre. Und wir sind froh, dass wir dabei sein dürfen. Auf der Professor Multanonovskiy sind wir jederzeit auf der Brücke willkommen – und davon machen wir jetzt natürlich mehr denn je Gebrauch.

Unser erster Ausflug führt uns heute nach Andréesenet auf der entlegenen Insel Kvitøya, der Weißen Insel. Nicht viele Schiffe wagen sich in dieses Gebiet, da der Nordosten Svalbards meist von Packeis eingeschlossen ist. So sind wir froh, dass wir zu den wenigen Besuchern auf dieser beinahe völlig von Eis bedeckten , 700 Quadratkilometer großen, linsenförmigen Insel zählen, die dazu noch völlig geschichtsträchtig ist.

Nach einer langen Zodiacfahrt im geschickten Zickzack-Kurs zwischen Eisschollen hindurch , erreichen wir dank Peters GPS die exakte Landestelle an einer Küste die kahl und überall gleich aussieht.Nur wenige Schritte vom Strand entfernt findet man eine auf einer kleinen Säule angebrachte Gedenktafel für die Opfer der Schwedischen Expedition zum Nordpol im Jahre 1897. Peter erzählt uns die wichtigsten Details dieser dramatischen Reise, die mit dem Tod aller Teilnehmer an genau diesem Ort endet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9es_Polarexpedition_von_1897

Am Nachmittag fahren wir an der Nordküste Kvitøyas entlang, um an die Nordostspitze zu gelangen, nach Kraemerpynten. Diese Kies- und Geröllzunge ist Svalbards östlichster Zipfel und bloß noch 94 Kilometer von der Victoria Insel entfernt, die bereits zum russischen Franz-Josef-Land gehört.

Bei Kraemerpynten angekommen sieht sich der Kapitän gezwungen, nahe an Land zu fahren, weil das Radarbild eine Eisdrift von bis zu 1 Knoten (1,8 km/h) anzeigt. Nachmittags lädt Peter uns zu eine Zodiactour zum wohl verlassensten Flecken Spitzbergens ein.

Walrosse tummeln sich in kleinen Gruppen im Wasser und wir nehmen uns Zeit, blaue und sogar grüne Eisberge zu umrunden. Die schimmernden Kleinode scheinen ein eigenes Licht hervorzubringen. Es leuchtet aus ihrem Inneren. Wir können einfach nicht genug von ihnen bekommen.

Plötzlich heißt es Bären !!! Eine Bärin mit ihrem Jungen läuft auf dem Moränengrat an der Küste entlang. Für kurze Zeit sehen wir beider Fell im Sonnenlicht aufleuchten, dann sind sie hinter dem Grat verschwunden.

Bald darauf geht es zurück zum Schiff,

wo wir noch lange über unsere Reiseeindrücke sprechen, bevor wir uns auf die Kabine zurückziehen.

Alle Aufnahmen habe ich 2004 mit einer kleinen analogen Kompakt Kamera mit einem bekannten Namen aufgenommen und dann aus den Alben abfotografiert.

Das Album auf Flickr

https://www.flickr.com/gp/sjffbb/Qy5U5c

to be continued